Hilfskonvoi der Freiwilligen Feuerwehren Rosenheim für die Erdbebengebiete in Kroatien

Am 29. Dezember 2020 ereignete sich ein starkes Erdbeben in der Stadt Petrinja in Kroatien. Nun  erhielt die Stadt ehrenamtliche Hilfe von den Feuerwehren aus dem Landkreis Rosenheim.

#Feuerwehrenhaltenzusammen und so wurde aus einem kleinen Freundschaftsdienst etwas ganz Großes!

Mit einem großen Hilfstransport der heimischen Feuerwehren mit 42 Fahrzeugen wurden an dem Wochenende des 2.- 4. Januar, dringend benötigte Materialen in das von Erdstößen mit einer Stärke von bis zu 6,4 auf der Richterskala stark zerstörte Gebiet gebracht.

An zahlreichen Gerätehäusern im Landkreis Rosenheim hatte die Bevölkerung in den vergangenen Tagen nach einem entsprechenden öffentlichen Aufruf Sachspenden abgegeben. Besonders wichtig waren dabei unter anderem Hygieneartikel, Decken, Kleidung und Lebensmittel.

Die Zusammenführung des Konvoi geschah um 01:45 Uhr in Bernau, von wo aus der Konvoi in Richtung Kroatien aufbrach.

Gegen Mittag kam der Hilfskonvoi aus dem Landkreis Rosenheim in Kroatien an. Mit Polizeieskorte ging es für die Ehrenamtlichen dann weiter in Richtung Krisengebiet, wo im Anschluss die Hilfsgüter ausgeladen wurden.

Gegen 18 Uhr, abends traten die ca. 100 Helfer die Heimreise nach Deutschland an, wo sie nach einem Corona-Test im Feuerwehrhaus Bernau, nach neunstündiger Fahrt, gegen 3 Uhr morgens wieder ihre Heimatgemeinden erreichten.

Bleiben werden den Helfern, Eindrücke von den massiven Zerstörungen, emotionale Begegnungen mit der einheimischen Bevölkerung sowie den dortigen Feuerwehrkameraden und am Ende das großartige Gefühl, Menschen in Not geholfen zu haben.

Ein großes Dankeschön gilt allen Bürgern, die mit ihrer Sachspende den Hilfskonvoi erst möglich gemacht haben.

Wie alles begann …

„Kannst du mir helfen einen Transporter zu organisieren, da ich eine kurzfristige Hilfslieferung nach Kroatien plane“. So ging die private Anfrage von Anita Arz, einer bekannten in Wasserburg lebenden Kroatin bei dem Waserburger Feuerwehrler, Josip Zilic ein. Der wiederum stellt die Frage kurzerhand in eine 80 Personen starke WhatsApp Gruppe der Wasserburger Feuerwehr.

Nach ein paar Stunden landet die Anfrage bei Richard Schrank, dem Kreisbrandtrat des Landkreises Rosenheim. Der stellt klar: „Wenn wir das den Feuerwehren im Landkreis sagen, wird Dich eine riesen Welle an Hilfsbereitschaft überrollen!“ „Geht klar“, so die Entscheidung aus dem Bauch heraus.

Es ist der 31.12. – Silvesterabend, als Mitglieder der Wasserburger Feuerwehr ihre Geschäftskontakte von potentiellen Großspendern für Lebensmittel und Transportfahrzeuge gegen 19:00 Uhr anrufen. Unmittelbare Zusagen, dass dies gleich am Neujahrstag ernsthaft geprüft und rückgemeldet wird, ließen durchwegs positive Tendenzen erkennen.

Die Firmen Bauer Frischdienst und Meggle sagten sofort Großspenden zu. Der Rewe Supermarkt ergänzte das Sortiment, so dass binnen kürzester Zeit vor allem 4 Tonnen Lebensmittel organisiert werden konnten.

Parallel dazu koordiniert und organisierte der Kreisbrandrat, Richard Schrank, das Mitwirken der Feuerwehren im Landkreis Rosenheim. Sammlung, Abgabe und Verladen von Feuerwehren und Bevölkerung galt es unter einen Hut zu bringen – und das unter Beachtung der Hygieneregeln.

Die Planungen der Wasserburger Feuerwehr, sich am 01.01. gegen Mittag zu treffen, um die Anlieferungen der Landkreisfeuerwehren vorzubereiten, wurden bereits gegen 7:30 Uhr verworfen. Die Telefone standen nicht mehr still und das Feuerwehrhaus wurde von den Spendern überrannt.

Bereits um 9:30 Uhr wurde in Wasserburg das „Außenlager Burkhart“ in einer alten Essigfabrik eröffnet, eine Einsatzleitung gebildet und Warenannahme, Verpackung und Palettierung in Abschnitte unterteilt. Von da an war die Feuerwehr in ihrem Element und die Einsatzleitung arbeitete wie in einer Großschadenslage. Bei diversen Unklarheiten hieß es oft: „Das organisieren wir genau so, als wie wenn Hochwasser wäre“

Um am 02.01 pünktlich um 1:00 Uhr in Wasserburg losfahren zu können, wurde nach mehreren Einsatzbesprechungen festgelegt, gegen 17:30 Uhr einen Annahmestopp festzulegen um ein Zeitfenster für die Verladung und eine Ruhephase für die Fahrer zu schaffen. Beindruckend war, dass aus der Bevölkerung anonyme Geldspenden in Kuverts kommentarlos abgegeben wurden. Ein enormer Vertrauensbeweis in die Feuerwehr.

Die Leitung und Organisation der Annahmestelle für die Bevölkerung im Wasserburger Stadtteil Burgerfeld übernahm die Stadtteilfeuerwehr Attel-Reitmehring. Im Gerätehaus Wasserburg packten ebenfalls viele Feuerwehrler mit an. Insgesamt waren an drei Umschlagstellen ca. 80 Personen pausenlos eingespannt. Insgesamt wurden mehr als 200 Helfer aus den Rettungsorganisationen gemeldet.

Ohne die zielgerichtete Arbeit durch die Feuerwehren im Landkreis von denen viele verpackt und angeliefert haben – aber nicht mitfahren konnten und der vielen Helfer in den Annahmestellen wäre eine pünktliche Abreise und ein Hilfskonvoi dieser Größenordnung in einer solch kurzen Zeit und über die Feiertage unmöglich gewesen.

Zügige Anreise ins Zielgebiet, Abladen und Rückreise zum ebenfalls durch den KBR organisierten „Corona Schnelltest“ im Gerätehaus der F.F. Bernau. Denn nach mehr als 72 Stunden Aufenthalt im Ausland hätten alle Einsatzkräfte in Quarantäne gemusst, so dass ab der Ausreise die „Corona- Uhr“ gegen uns tickte.

Pünktliche Abreise um 1:00 Uhr in Wasserburg mit ca. 15 Fahrzeugen zum Hauptsammelpunkt Autobahnauffahrt Bernau. Kurze Besprechung, Zugeinteilung durch Richard Schrank, und schon gings gegen 1:30 Uhr mit dem über Funk erteilten Segen des Wasserburger Notfallseelsorgers und Feuerwehrmann Peter Peischl auf die Reise. Angeführt vom Wasserburger Kommandanten, Niko Baumgartner und dem Kreisbrandrat Richard Schrank setzte sich der 42 Fahrzeuge umfassende Verband um 2:15 Uhr in Bernau in Bewegung. Mit dabei auch ein voll ausgestatteter ADAC- Servicewagen, der von einem KfZ- Meister der Wasserburger Wehr gefahren wurde.

Nachdem gegen 5:30 Uhr 50 cm Neuschnee im Bereich Villach/ Spital überwunden wurde, überquerte der Tross um 9:30 Uhr die Grenze nach Kroatien. Mit zwei Pausen erreichte der aus drei Zügen bestehende Verband gegen 11:15 Uhr das erste Ziel, die 70.000 Einwohner Stadt Velica Gorica.

Die Einfahrt in die Stadt war begleitet von vielen Menschen, die an Fenstern oder in den Gärten standen und winkten. Für alle ein absoluter Gänsehautmoment!

Bei der dortigen Feuerwehr kurz verpflegt und vom kroatischen Fernsehen empfangen, wurden die Züge anschließend zu ihren jeweiligen Abladeorten entsandt. Bereits um 12:30 Uhr waren die ersten vier Fahrzeuge des ersten Zuges am Standort entladen und der Zug fuhr weiter ins Hinterland. Während gegen 15:00 Uhr der 1.Zug komplett entladen und auf dem Weg zum Sammelpunkt war, meldeten der 2. und 3. Zug, dass es Schwierigkeiten in der Stadt Sikak gibt.

Entgegen der Absprache wurden die Züge während der Anfahrt auf die Zielorte von der örtlichen Polizei falsch geleitet, so dass wir an einem riesigen Lager angekommen vor der Entscheidung standen, unsere Hilfsgüter in diesem Warenlager „untergehen zu lassen“ oder eine kurzfristige und sinnvolle Planänderung herbei zu führen. Unser kroatischer Feuerwehrler J. Zilic hat mit einigen Familienangehörigen seine Kontakte spielen lassen und alternative Adressen genannt. Trotz der schwierigen infrastrukturellen Verhältnisse konnte das alternative Ziel, die Stadt Glina (nähe Petrinja) mit dem Navi angefahren werden. Gespräche mit Bürgermeistern, und Vertretern von Rotem Kreuz und Feuerwehr ergaben weitere Ziele. Gesagt getan, denn um Zeit bei der Entladung zu sparen fuhren 4 Fahrzeuge in umliegende kleine Dörfer und brachten Ihre Lieferungen z.T. bei Feuerwehren direkt an die richtigen Stellen.

Summa summarum war dies die umständliche und zeitaufwändige Variante. Dennoch waren sich alle verantwortlichen Entscheider einig, dass trotz viel Hickhack mit den teils überforderten örtlichen Organisationen und Behörden, die für die Betroffenen beste Lösung umgesetzt wurde.

Eine prägende und emotionale Erfahrung durften wir in einem abgelegenen Dorf machen. Als die Güter entladen wurden konnten wir einige helfende Frauen immer wieder beobachten das ihnen die Tränen übers Gesicht liefen. Mit dem Dolmetscher angesprochen kam raus, dass die Bevölkerung in diesen Stunden ein Déjà-vu Erlebnis hat. Als der Krieg im ehemaligen Jugoslawien ausbrach und die Häuser in dieser Gegend zerbombt waren, kamen Deutsche mit Hilfsgütern in diese Dörfer. Heute – 30 Jahre nach dem Krieg sind die Häuser wieder, wenn auch durch ein Erdbeben zerstört. „Und wieder sind es Deutsche, die uns in der Not helfen – ein Beweis über die tiefe deutsch- kroatische Freundschaft“. Nach dieser Übersetzung sagten unsere gegenseitigen Blicke mehr als tausend Worte!

In der Zwischenzeit war klar, dass der erste Zug weit vor den anderen Abfahrtklar sein wird. Mehrere 40-Tonner, die nicht in die kleinen Orte fahren konnten wurden nach der Entladung aus dem zweiten Zug herausgelöst und dem ersten zugeordnet. Der Rest des 2. Zuges und dritte Zug hat sich zu einem Verband aus 15 Fahrzeugen zusammengeschlossen und war nach der Entladung wieder am ersten Sammelpunkt, einer Schule in Glina abfahrtklar.

Während der erste aus 27 Fahrzeugen bestehende Verband bereits gegen 17:50 Uhr in Richtung Heimat aufbrach, versuchte der ca. zweieinhalb Stunden entfernte zweite Verband gegen 18:30 Uhr die Abfahrt mit 15 Fahrzeugen ab Glina.

Hier stellte sich die Abreise als äußerst problematisch dar, da Aufgrund eingestürzter Häuser und aufgerissener Straßen das Navi nicht mehr brauchbar war. Der Verband kam mit seinen 2,5 bis 18 Tonnen schweren Fahrzeugen nicht mehr vom Fleck.

Durch zwei MTW wurden kurzerhand mehrere zum festsitzenden Zug verlaufende Parallelstraßen aufgeklärt und schließlich nach ca. 45 Minuten und mit Hilfe deutschsprechender Kroaten („Junge, gemeinsam kriegen wir Euch hier schon raus“) eine freie Strecke aus der Stadt gefunden, die dann über Landstraßen zur Stadt Karovac und von dort auf die Autobahn in Richtung Grenze führte. Dank guter Kontakte ins kroatische Innenministerium wartete bereits an der Autobahnauffahrt eine Polizeieskorte, die den Zug bis zur slowenischen Grenze führte.

Beide Teilverbände waren natürlich regelmäßig über Telefonate und Kurznachrichten im Kontakt und berichteten gegenseitig, dass sie immer wieder von Fahrzeugen überholt werden, die hupen, winken, grüßen und kroatische und deutsche Flaggen zeigen – wirklich tolle Gesten!

Nach rund 35 Stunden auf den Beinen war allen Beteiligten klar, dass wir nur mit ausreichend Pausen unfallfrei und gesund Hause kommen. Am 03.01. also hat sich der 1. Teilverband um kurz vor 2:00 Uhr morgens über Funk in Bernau zur Testung angemeldet und konnte gegen 3:30 Uhr aufgelöst und selbständig in die jeweiligen Feuerwehren einrücken.

Nach vielen Stopps war um 05:00 Uhr auch die Ankunft des 2. Teilverbandes in Bernau an den Kreisbrandrat und den Wasserburger Kommandanten zu vermelden. Gegen 06:00 Uhr ging es auch für diese Kameraden mit negativen Testergebnissen und 47 Stunden in Aktion nach Hause.

Es passt bei einer solchen Gemengelage schon fast wie die Faust aufs Auge, dass der Wasserburger Kommandant und sein Führungsassistent genau bei der Ankunft im Feuerwehrhaus auch gleich noch einen Einsatz bekamen und zu einer dringenden Wohnungsöffnung fuhren.

Sicherlich stehen bei derartigen Aktionen mit enormen Öffentlichkeitsinteresse einige wenige, die den Transport durchführen und begleiten im Fokus. Dennoch ist herauszuheben, dass man die Vor- und Zuarbeit von Feuerwehrangehörigen und Privatpersonen im Landkreis Rosenheim nicht hochgenug einordnen kann, der Grundstein für den Erfolg war.

Stefan Gartner, Pressesprecher Feuerwehr Stadt Wasserburg am Inn