Alarm nach Mitternacht!

1 Uhr 2. Ich werde jäh aus dem Schlaf gerissen. Der Grund: Die Sirene schrillt. Ich ärgere mich. Hoffentlich kann ich gleich wieder einschlafen, denn morgen Früh muss ich pünktlich in der Arbeit sein! Muss denn in der heutigen Zeit wirklich noch die Sirene gehen und ALLE aufwecken? Ich drehe mich zu Seite. Der Hall der Sirene verstummt. Doch nun düst ein Einsatzfahrzeug nach dem anderen an meinem Fenster vorbei! Ich ziehe mir die warme Decke über den Kopf und döse langsam wieder ein …

Zur gleichen Zeit:

Es ist weit nach Mitternacht, als mein Schlaf ein abruptes Ende findet. Auf dem Nachttisch neben meinem Bett hat der digitale Meldeempfänger (Piepser) einen Alarm ausgelöst. Der laute Ton hallt durch das stille Haus. Ein Piepser. Warum dann die laute Sirene, die auch andere Edlinger aus dem Schlaf reißt? Ich bin froh, dass wir beides haben, und eine zusätzliche Handyalarmierung hat die Gemeinde für die Feuerwehr auch noch finanziert.  Ein Handy hat man fast immer dabei und damit liegt der Vorteil auf der Hand, jedoch haben wir immer noch mit verzögerten Meldungen zu kämpfen. Und die Sirene? Auf die ist einfach Verlass, wenn man eben Handy oder Piepser gerade mal nicht dabei hat. Nur durch alle drei Alarmierungsmöglichkeiten können möglichst viele Ehrenamtliche zu jeder Tages- und Nachtzeit erreicht werden.  Außerdem hat die Sirene noch einen entscheidenden Vorteil: Die Bevölkerung kann sich z.B. darauf einstellen, dass gleich Einsatzkräfte zügig in ihren Privatautos auf dem Weg zum Feuerwehrhaus sein werden. Ich muss mich kurz sammeln und das Licht meiner kleinen Leselampe einschalten. Der Wecker zeigt 1.02 Uhr. Ich fühle mich wie wenn ich in zwei Körpern stecken würde. Einerseits weiß ich, dass die Sirene heult, mein Körper schüttet Adrenalin aus und lässt mein Herz pochen. Andererseits bin ich träge und frage mich schlaftrunken, wer ich eigentlich bin. Schnell siegt das Adrenalin und ich bin hellwach. Ich springe aus dem Bett und renne ins Bad, nehme die nächstbeste Hose und ein T-Shirt und ziehe sie mehr oder weniger auf dem Weg die Treppe hinunter an. Ich laufe zu Fuß zum Feuerwehrhaus, denn das ist für mich – im Gegensatz zu vielen entfernter wohnenden Kameraden – wesentlich schneller, als das Auto aus der Garage zu holen. Doch die kalte Nacht und das plötzliche Aufstehen machen mir etwas zu schaffen Völlig außer Atem komme ich am Feuerwehrhaus an. Die Uhr in der Fahrzeughalle zeigt, 1.05 Uhr. Noch 4 Stunden bis ich aufstehen muss, schießt es mir durch den Kopf, wo ich doch morgen … Keine Zeit zum Nachdenken. In Windeseile werden die schweren Türen vom Feuerwehrhaus aufgeschoben. Das erste Fahrzeug fährt bereits hinaus. Ich ziehe in kürzester Zeit meine Ausrüstung an: Hose, Jacke, Stiefel, Helm, Handschuhe – und ein Haargummi: Dieser Ausrüstungsgegenstand fehlt bei den meisten Feuerwehrlern 😉 Andere sitzen bereits im Auto. Ich steige zu – Abfahrt. Die Sirene heult ca. 3 Minuten. In dieser Zeit steht mitunter bereits das erste Auto zur Abfahrt bereit. Während der Anfahrt zur Einsatzstelle rüste ich mich fertig aus. Ein schneller Blick durch das Fenster: Die Straßen sind menschenleer, das Blaulicht flattert, das Martinshorn durchbricht die Stille. Das Horn versuchen wir so wenig wie möglich einzusetzen, um die Bevölkerung nicht unnötig zu wecken. Gleichzeitig ist der Fahrer verpflichtet es so einzusetzen, dass der Verkehr ausreichend vor Gefahren gewarnt wird. Ich schaue in müde Gesichter. In Anbetracht der Uhrzeit kaum verwunderlich. Trotzdem sind aber alle hellwach und konzentriert. Der Gruppenführer gibt der Mannschaft die ersten Informationen und verteilt Aufgaben. Ansonsten ist es ruhig. Am Einsatzort läuft alles routiniert ab: Ein vergessenes Essen auf dem Herd als Ursache für einen Brand in der Küche. Die Wasserversorgung wird aufgebaut, der Atemschutztrupp zum Angriff vor, die

Bewohner werden betreut und vorsichtshalber dem Rettungsdienst übergeben.  Der Brand ist schnellgelöscht, der Schaden gering und das Wichtigste: Die Bewohner sind unverletzt. Wir können relativ schnell abrücken und freuen uns auf unser warmes Bett. Die Uhr im Feuerwehrauto zeigt 2.48 Uhr. Auf der Heimfahrt beschäftigen mich die Eindrücke des Einsatzes. Meinen Kameraden scheint es ähnlich zu gehen. Hier und da unterhalten sich manche leise. Ob sie auch in wenigen Stunden zur Arbeit müssen? Die meisten schon. Doch zugleich muss ich nochmal an die Wohnungseigentümer denken. „So lange alle unverletzt sind, ist alles halb so schlimm“, hört man oft. Aber wie man sich wohl fühlt, wenn man mitten in der Nacht bei Bekannten unterkommen muss? In einer Nacht kann sich alles ändern! Der Schock, die Aufregung, die Angst … Ich fühle mit und wünsche ihnen in Gedanken nur das Beste. Am Gerätehaus angekommen, werden die Materialien im Feuerwehrauto nochmal kontrolliert, die Schläuche aus den Autos geräumt, gewaschen und aufgehängt. Die Feuerwehr muss ja schnellstmöglich wieder bereit sein, um ausrücken zu können, auch wenn wir die Aufräumarbeiten alle am liebsten auf morgen schieben würden … Wir ziehen uns um und machen uns auf den Nachhauseweg. Müde falle ich in mein Bett. Mein Blick wandert noch auf die Uhr am Nachttisch: 4.12Uhr und somit noch 1 Stunde und 48 Minuten Zeit zu schlafen.  Aber das Adrenalin und die Gedanken an die Familie halten mich noch immer eine Zeit wach, bis die Müdigkeit letztlich doch endlich siegt.

V.B